Blindfold-Feedback

Team, einer mit Augenbinde

Kommunikation neu erleben und Teams stärken

Feedback ist das Rückgrat jeder erfolgreichen Zusammenarbeit und Teamentwicklung. Doch was passiert, wenn wir uns bei der Rückmeldung nicht auf das verlassen können, was wir sehen, sondern ausschließlich auf das, was wir hören und fühlen? Blindfold-Feedback, eine innovative Methode der Kommunikation aus der Teamentwicklung, nimmt uns genau diese visuelle Komponente und eröffnet damit völlig neue Perspektiven auf Vertrauen, Klarheit und effektive Kommunikation.​

Was ist Blindfold-Feedback?

Blindfold-Feedback bezeichnet eine Gruppe von Feedback- und Kommunikationsübungen, bei denen mindestens ein Teilnehmer mit verbundenen Augen agiert. Diese Person ist vollständig auf verbale Anweisungen, Rückmeldungen und die Unterstützung des Teams angewiesen, um eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen. Die Methode hat ihren Ursprung im erlebnisorientierten Teambuilding und wird seit Jahren erfolgreich in Unternehmen, Workshops und Trainings eingesetzt.​

Der Kern der Methode liegt darin, die dominante visuelle Wahrnehmung auszuschalten und dadurch andere Sinne sowie Kommunikationskanäle zu schärfen. Was zunächst wie eine simple Übung erscheint, entpuppt sich schnell als intensive Lernerfahrung über die Qualität und Wirksamkeit von Feedback.​

Die praktische Anwendung: Bewährte Übungen

„Toss Me Some Feedback“ – Die klassische Variante

Eine der bekanntesten Blindfold-Feedback-Übungen trägt den Namen „Toss Me Some Feedback“ und verdeutlicht eindrucksvoll, wie unterschiedliche Feedback-Arten die Leistung beeinflussen.​

Aufbau der Übung:

  • Ein Teammitglied (der „Werfer“) trägt eine Augenbinde und steht hinter einer Startlinie
  • Vor ihm befindet sich in etwa drei Metern Entfernung ein Behälter
  • Die Aufgabe: So viele Bälle wie möglich in den Behälter werfen
  • Das restliche Team übernimmt verschiedene Rollen: Rückholer, Assistent und Punktezähler

Die drei entscheidenden Runden:

Runde 1 – Totales Schweigen: Das Team darf keinerlei Feedback geben. Die blindgefaltete Person arbeitet völlig ohne Rückmeldung und muss selbst herausfinden, ob ihre Würfe erfolgreich sind.​

Runde 2 – Limitiertes Feedback: Das Team darf nur mit „Ja“ oder „Nein“ antworten, mehr nicht. Die Kommunikation ist extrem eingeschränkt.​

Runde 3 – Vollständiges Feedback: Jetzt darf das Team umfassende Anweisungen geben: „Etwas weiter links“, „mit mehr Kraft“, „perfekt, genau so weiter“.​

„Pens in a Box“ – Feedback-Qualität sichtbar machen

Eine weitere wirkungsvolle Variante ist die „Pens in a Box“-Übung, die speziell für Führungskräfte und Projektmanager entwickelt wurde.​

Bei dieser Übung versuchen drei verschiedene Personen nacheinander, mit verbundenen Augen Stifte in eine Box zu werfen. Jede Person erhält dabei eine andere Feedback-Qualität:

  • Person 1: Keinerlei Feedback vom Team
  • Person 2: Nur positives, ermutigendes Feedback ohne konkrete Anweisungen
  • Person 3: Vollständiges, konstruktives Feedback mit konkreten Verbesserungsvorschlägen​

Die Unterschiede in der Leistung sind dramatisch und machen erlebbar, was theoretisches Wissen oft nicht vermitteln kann.

Best Practices: So gelingt Blindfold-Feedback

Vorbereitung ist entscheidend

Sicherheit geht vor: Räumen Sie den Übungsbereich vollständig frei, entfernen Sie Stolperfallen und scharfe Kanten. Ein Moderator sollte jederzeit eingreifen können, wenn Teilnehmer sich in eine gefährliche Richtung bewegen.​

Gruppengröße beachten: Ideal sind Gruppen von 4-7 Personen pro Team. Bei größeren Gruppen empfiehlt es sich, mehrere Teams parallel arbeiten zu lassen und anschließend die Erfahrungen zu vergleichen.​

Zeitmanagement: Planen Sie für eine vollständige Blindfold-Feedback-Session mindestens 50 Minuten ein – inklusive Briefing, Durchführung aller Runden und einer ausführlichen Reflexionsphase.​

Die richtigen Fragen zur Reflexion

Der Lerneffekt entsteht nicht während der Übung selbst, sondern in der anschließenden Reflexion. Folgende Fragen haben sich bewährt:​

  • Zur Erfahrung: „Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie keinerlei Feedback erhielten?“ „Was ging Ihnen durch den Kopf, als das Team schwieg?“
  • Zum Vertrauen: „Hat sich Ihr Vertrauen ins Team während der verschiedenen Runden verändert?“ „Wann fühlten Sie sich am sichersten?“
  • Zur Kommunikation: „Welche Art von Feedback war am hilfreichsten?“ „Was hätte die Anweisungen noch klarer machen können?“
  • Zum Transfer: „Welche Parallelen sehen Sie zu Ihrer täglichen Arbeit?“ „Gibt es Situationen, in denen Kollegen ‚blind‘ arbeiten müssen?“

Variationen für verschiedene Lernziele

Blindfold Rope Square: Das gesamte Team trägt Augenbinden und muss gemeinsam ein perfektes Quadrat aus einem Seil formen. Diese Variante trainiert besonders die wechselseitige Kommunikation und Koordination.​

Blindfold Maze: Ein Teammitglied navigiert blind durch einen Hindernisparcours, geleitet nur durch die verbalen Anweisungen der Kollegen. Diese Übung eignet sich hervorragend, um Präzision in der Kommunikation zu trainieren.​

Blindfold Trust Walk: Paarweise führt eine Person die andere blind durch einen Parcours. Diese klassische Vertrauensübung legt den Fokus auf die Beziehungsebene zwischen zwei Personen.​

Die Vorteile von Blindfold-Feedback

Bewusstsein für den „blinden Fleck“ schaffen

Ein zentrales Konzept im Feedback ist das Johari-Fenster, das vier Bereiche der Selbst- und Fremdwahrnehmung unterscheidet. Der „blinde Fleck“ beschreibt Verhaltensweisen, die andere an uns wahrnehmen, die uns selbst aber nicht bewusst sind.​

Blindfold-Feedback macht dieses Konzept wortwörtlich erlebbar: Die verbundenen Augen symbolisieren unsere eigenen blinden Flecken im Arbeitsalltag. Wir erkennen nicht, wie unsere Handlungen wirken, wie unser Verhalten ankommt oder welche Fehler wir machen – solange niemand uns konstruktives Feedback gibt.​

Vertrauen aufbauen und stärken

Wenn wir unsere Augen verbinden, begeben wir uns in eine vulnerable Position. Wir sind abhängig von der Unterstützung anderer, müssen ihrer Expertise vertrauen und uns auf ihre Anweisungen verlassen. Diese Erfahrung von Verletzlichkeit und gegenseitiger Abhängigkeit stärkt das Vertrauen innerhalb von Teams nachhaltig.​

Studien zeigen, dass Teams mit hohem Vertrauensniveau deutlich produktiver arbeiten, offener kommunizieren und schneller Lösungen finden. Blindfold-Übungen schaffen genau diese vertrauensvolle Basis in kompakter, intensiver Form.​

Kommunikationsfähigkeiten schärfen

Präzision in der Sprache: Wenn visuelle Hinweise wegfallen, müssen verbale Anweisungen kristallklar sein. „Da drüben“ oder „ein bisschen mehr“ funktionieren nicht mehr – die Kommunikation muss spezifisch, eindeutig und verständlich werden.​

Aktives Zuhören: Die blindgefaltete Person lernt, aufmerksam zuzuhören, Nachfragen zu stellen und Informationen richtig zu interpretieren. Diese Fähigkeiten sind im Arbeitsalltag von unschätzbarem Wert.​

Nonverbale Bewusstheit: Paradoxerweise erhöht das Entfernen der visuellen Komponente unser Bewusstsein für nonverbale Signale. Nach einer Blindfold-Übung achten Teilnehmer bewusster auf Tonfall, Sprechgeschwindigkeit und emotionale Nuancen in der Stimme.​

Herausforderungen und wie Sie diese meistern

Die emotionale Intensität

Einige Teilnehmer empfinden es als unangenehm oder sogar beängstigend, die Kontrolle durch die Augenbinde abzugeben. Wichtig: Machen Sie die Teilnahme freiwillig und bieten Sie Alternativen an. Niemand sollte gezwungen werden, die Augen zu verbinden.​

Tipp: Beginnen Sie mit einer kurzen „Aufwärmübung“, bei der die Teilnehmer nur für 30 Sekunden die Augen schließen und sich im Raum orientieren. Das nimmt die initiale Angst.​

Unproduktives oder verletzendes Feedback

Gerade in Runde 1 (ohne Feedback) kann Frustration entstehen. Manche Teams neigen dann in Runde 3 dazu, zu viele Anweisungen gleichzeitig zu geben, was die betroffene Person überfordert.​

Lösung: Etablieren Sie vorab klare Feedbackregeln. Nur eine Person spricht zur gleichen Zeit. Feedback sollte konkret, beschreibend und lösungsorientiert sein – niemals abwertend oder sarkastisch.​

Transfer in den Arbeitsalltag

Die größte Herausforderung liegt darin, die Erkenntnisse aus der Übung in die tägliche Praxis zu übertragen. Ohne bewusste Reflexion verpufft der Lerneffekt schnell.​

Empfehlung: Lassen Sie die Teilnehmer konkrete Situationen aus ihrem Arbeitsalltag identifizieren, in denen Kollegen „blind“ arbeiten – sei es durch mangelnde Information, fehlende Rückmeldung oder unklare Zielsetzungen. Entwickeln Sie gemeinsam Strategien, wie das Feedback verbessert werden kann.​

Tools und Software zur Feedback-Implementierung

Während Blindfold-Feedback eine analoge, erlebnisorientierte Methode ist, lässt sich die dahinterliegende Feedback-Kultur durch digitale Tools nachhaltig in Organisationen verankern.​

Moderne Feedback-Plattformen ermöglichen es, regelmäßige Feedback-Schleifen zu etablieren, 360-Grad-Beurteilungen durchzuführen und Entwicklungsfortschritte zu dokumentieren. Diese Tools sollten jedoch nie die persönliche, direkte Rückmeldung ersetzen, sondern diese ergänzen und strukturieren.​

Schlüsselkriterien bei der Auswahl eines Feedback-Tools:

  • Benutzerfreundlichkeit für alle Hierarchieebenen
  • Anonymitätsoptionen für ehrliches Feedback
  • Integrationsmöglichkeiten mit bestehenden HR-Systemen
  • Auswertungs- und Analysefunktionen
  • Mobile Verfügbarkeit für hybride Teams​

Vorteile und Herausforderungen im Überblick

Vorteile

Erlebnisorientiertes Lernen: Blindfold-Feedback macht abstrakte Konzepte wie „konstruktive Rückmeldung“ oder „Vertrauensaufbau“ körperlich erfahrbar. Das Gelernte bleibt nachhaltig im Gedächtnis.​

Niedrige Einstiegshürde: Die Übungen benötigen kaum Material – Augenbinden, Bälle und einen freien Raum. Der Organisationsaufwand ist minimal, der Lerneffekt maximal.​

Universelle Anwendbarkeit: Die Methode funktioniert branchen- und hierarchieübergreifend. Von Führungskräften über Projektteams bis zu Auszubildenden profitieren alle Zielgruppen.​

Messbare Leistungsunterschiede: Die verschiedenen Feedback-Runden zeigen oft starke Leistungsunterschiede von 200-300 Prozent. Diese Zahlen machen die Bedeutung von Feedback unübersehbar.​

Herausforderungen

Emotionale Barrieren: Nicht jeder fühlt sich wohl dabei, die Kontrolle abzugeben und sich verletzlich zu zeigen. Das erfordert eine vertrauensvolle Atmosphäre.​

Zeitinvestition: Eine vollständige Session mit Reflexion benötigt mindestens 50-60 Minuten. In straff getakteten Arbeitstagen ist das nicht immer einfach zu integrieren.​

Moderations-Kompetenz: Der Erfolg der Übung steht und fällt mit der Moderation. Eine geschulte moderierende Person erkennt Gruppendynamiken, steuert bei Problemen und leitet die Reflexion zielführend.​

Best Practices aus der Praxis

Regelmäßige Integration

Führen Sie Blindfold-Feedback nicht als einmalige Aktion durch, sondern integrieren Sie es in Ihre Teamentwicklungsstrategie. Viele erfolgreiche Unternehmen setzen die Methode quartalsweise in Teamworkshops ein.​

Kombination mit anderen Methoden

Blindfold-Feedback entfaltet seine volle Wirkung in Kombination mit anderen Feedback-Techniken. Nutzen Sie beispielsweise die WWW-Methode („Was war gut? Was war nicht so gut? Was wird verbessert?“) oder die STATE-Methode für die nachfolgende Gesprächsführung.​

Führungskräfte als Vorbilder

Lassen Sie Führungskräfte als erste die Augenbinde anlegen. Das sendet ein starkes Signal: Auch die Hierarchieebenen sind bereit, sich verletzlich zu zeigen und auf Feedback anzuweisen.​

Dokumentation der Erkenntnisse

Halten Sie die wichtigsten Erkenntnisse aus der Reflexionsphase schriftlich fest. Erstellen Sie gemeinsam einen Aktionsplan, wie die Feedback-Kultur im Team konkret verbessert werden soll.​

Fazit: Feedback erlebbar machen

Blindfold-Feedback ist weit mehr als eine unterhaltsame Teambuilding-Übung. Es ist ein kraftvolles Instrument, um die Bedeutung von konstruktiver Rückmeldung körperlich erfahrbar zu machen. In einer Zeit, in der viele Mitarbeitende sich ungesehen fühlen, keine Orientierung haben oder „im Dunkeln tappen“, zeigt diese Methode eindrücklich: Ohne Feedback arbeiten wir blind.​

Die Übung verdeutlicht, dass es nicht nur darum geht, ob wir Feedback geben, sondern wie wir es tun. Nur präzises, zeitnahes und wertschätzendes Feedback ermöglicht es Menschen, ihr volles Potenzial zu entfalten. Teils dramatische Leistungsunterschiede zwischen den verschiedenen Feedback-Runden sprechen eine klare Sprache.​

Für Organisationen, die eine offene Feedback-Kultur etablieren möchten, bietet BlindfoldFeedback einen niedrigschwelligen, aber wirkungsvollen Einstieg. Die Methode schafft gemeinsame Erfahrungen, baut Vertrauen auf und macht komplexe kommunikationspsychologische Konzepte greifbar.​

Der erste Schritt: Probieren Sie es aus. Organisieren Sie eine „Toss Me Some Feedback“-Session in Ihrem nächsten Teammeeting. Seien Sie gespannt auf die Diskussionen, die diese simple Übung auslösen wird – und auf die nachhaltigen Veränderungen in Ihrer Feedback-Kultur, die daraus entstehen können.

Du interessierst Dich für weitere HR-Themen oder möchtest Deine Recruiting-Strategie optimieren? Dann vernetze Dich gerne mit mir auf LinkedIn oder melde Dich für einen virtuellen Kaffee – ich freue mich auf den Austausch!


Wenn Dir die Beiträge gefallen, kannst Du Dir durch Klicken auf das Symbol einfach den RSS-Feed abonnieren und Du bekommst alle neuen Beiträge in Dein Lieblingssystem geliefert.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert